Rolf Thiele

Warum machen wir das, was wir machen?

Wenn uns ein Ding, stellen wir uns ein Bild vor, wirklich am Herzen liegt, bekommt es ein eigenes Leben. Es ist dann tatsächlich die Wiederbelebung eines toten Gegenstands. Aber nichts, was uns auf diese Weise betroffen macht, am Herzen liegt, lässt sich rational begründen. Vor allem, wenn wir selbst der Autor, die Autorin dieses Dinges, Bild oder Text usw., sind, verhakt es sich, schon bevor es sichtbar wird, in unserem Herzen. Wir verheddern uns also bereits am Anfang beim Machen und bleiben daran hängen, manchmal ganz gegen unseren eigenen Willen. Jedoch: woher weiß man eigentlich, was man will? Und ist es nicht ein großer Fall von Schönheit, wenn man nicht weiß, was man will.

Oder wollen wir Gefühle, um solche handelt es sich ja wohl, dieser Sorte von unserem intellektuellen Niveau aus nicht wahrhaben? Wir halten sie für unwürdig und geben ihnen einfach einen anderen Namen. Wir lügen sie um. Wir etikettieren sie nach dem Wunsch unseres Bewusstseins. Je wendiger unser Bewusstsein, je belesener, um so zahlreicher und um so nobler unsere Hintertüren, um so geistvoller die Selbstbelügung. Man kann sich ein Leben lang damit unterhalten, und zwar vortrefflich, nur kommt man dadurch nicht zum Leben, sondern unweigerlich in die Selbstentfremdung. Wir sind dann in der Selbstüberforderung. Wir sehen wohl unsere Niederlage, aber begreifen sie nicht als Signale, als Konsequenzen eines verkehrten Strebens weg von unserem Selbst. Viele erkennen sich selbst, nur wenige kommen dazu, sich selbst auch anzunehmen. Wie viel Selbsterkenntnis erschöpft sich darin, den anderen mit einer noch präziseren und genaueren Beschreibung unserer Schwächen zuvorzukommen, also in Koketterie?

Aber auch die echte Selbsterkenntnis, die eher stumm bleibt und sich in unserem Verhalten ausdrückt, genügt noch nicht, sie ist ein erster, zwar unerlässlicher und mühsamer, aber keineswegs hinreichender Schritt. Das allein führt uns noch nicht ins Leben zurück. Es braucht die höchste Lebenskraft, um sich selbst anzunehmen. Und im Grunde, ehrlich genommen, hoffen wir doch ohnehin in allem auf Verwandlung, auf Fluchträume. Ohne Hoffnung keine Beziehung. Dafür müssen wir etwas ändern. - So oder ähnlich gelesen bei Max Frisch in seinem „Stiller“ -

Und weiter: Jetzt wäre der Augenblick da, alles zu sagen, die Wahrheit zu sagen. Aber so wie ich es zu erklären versuche, bleibt nichts mehr übrig. Hätte ich es sonst nicht längst erklärt, dieses mein Alles, meine Erfahrung – ?

Also müssen wir etwas riskieren, auch bei Dingen und Ereignissen, die es nicht wert zu sein scheinen. Denn das Richtige, manchmal auch das Gute, kommt meist durch eine der Hintertüren zu uns. Anders gesagt: Manchmal muss man verlieren, um zu gewinnen. So gesehen also gibt es dort kein Scheitern. Bilder, Dinge, Ereignisse, die das Herz berühren und aufleuchten lassen, die den Blick auf das Leben, die Welt komplett verändern. Würden wir sie ausdrücklich suchen, etwa ein Leben lang, wir würden sie nicht finden. Sie stoßen uns zu, plötzlich, ohne Vorwarnung oder Ankündigung, sie passieren einfach. Allerdings sollten wir uns für diesen Moment, in dieser Passage des Passierens, bereit halten. Es ist dann nicht nur eine ästhetische Erfahrung, sondern das, was da passiert, ist Kunstberührung.

Grundfragen wie zum Beispiel: Wofür lohnt es sich zu leben, gegebenenfalls zu sterben? spielen zur eigenen Überraschung keine Rolle mehr. Es ist eine große Verschiebung, kaum zu erklären. Aber gelagert zwischen Wollen und Nichtwollen, zwischen Können und Nichtkönnen, zwischen Interesse und Desinteresse. In solchen Zwischenräumen schraubt sich die Aufmerksamkeit hoch: Alles ist ein Wegweiser, der auf etwas anderes hindeutet. Symbolisierung in einem sehr persönlich gefärbten und erlebten Empfindungsraum. Alles erscheint uns dann so notwendig und richtig zu sein. Ohne Begründung. Genau so gern würden wir es allerdings vergessen wollen, aber das können wir nicht. Es hat sich in uns verhakt. Es ist einfach da.

Warum bin ich, wie ich bin? Warum mache ich das, was ich mache? Wieso sehe ich so klar, dass alles, was ich liebe, was mir am Herzen liegt, Illusion ist, und wieso liegt gerade in dieser Frage der Zauber, für den es sich zu leben lohnt?

Sollen wir das wirklich alles ändern und uns in die üblichen Bahnen einreihen, die uns zum normierten, von den anderen erwarteten Verhalten führen, zu festen Arbeitszeiten, regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen, zu stabilen Beziehungen und einer nachvollziehbaren, weil planbaren Karriere. Oder ist es besser, uns kopfüber in das zu stürzen, was uns am Herzen liegt? Wenn das eigene Innere uns gar an den Rand des Verderbens lockt, sollen wir uns dann abwenden, dem sogenannten Vernünftigen zuwenden, gegen die eigene innere Stimme?

Täten wir dies, wäre unser Blick auf das reine Andere, das für uns Bedeutsame, nicht nur erheblich getrübt, sondern sogar blind geworden. Wir könnten dann unser Geheimnis, das nur für uns sichtbar ist und uns in der uns umgebenden Dunkelheit leuchtet, keinen Namen hat, niemals sehen.

Es gäbe kein Geheimnis um unser Geheimnis.

Über unüberbrückbare Distanzen hinweg – zwischen Leinwand und Malerin, zwischen Bild und Betrachter, in der Distanz geschieht das Wunder, es ist beides, der gleitende Vorgang des Übergangs, der Verwandlung, bei dem Farbe Farbe ist, aber auch ein Zeichen für Existenz. Es ist der Ort, der magische Punkt, an dem jede Idee und ihr Gegenteil gleichermaßen wahr sind.

Die ästhetische Erfahrung als jener Moment, wo das Seelengefühl als das was uns am Herzen liegt auf die Materialbetrachtung trifft, sich beide begegnen und sich verwandelnd, das eine in das jeweils andere, wobei beide, ohne sich selbst zu verlieren, die Plätze tauschen. So etwas kann außerhalb von einem selbst unmöglich für andere präsent sein. Man fühlt sich fremd und erkennt, dass die einzigen Wahrheiten, die uns wichtig sind, diejenigen sind, die wir nicht verstehen, nicht verstehen können. Natürlich ist es hart, mit dem Gefühl zu leben, dass das außer uns selbst auch sonst keiner so recht versteht.

Das Geheimnisvolle, Vieldeutige, Unerklärliche. Das, was wir nicht erklären können, weil es keine nachvollziehbare Geschichte hat. Darin einen Sinn zu suchen, erscheint uns vorderhand abwegig und bizarr, denn zwischen der Realität auf der einen Seite und dem Punkt, an dem der Geist auf die Realität trifft, gibt es keine mittlere Zone; aber einen Rand, wo der Sinn ins Dasein kommt, wo zwei sehr unterschiedliche Bereiche sich dann doch mischen und verwischen und dadurch bereitstellen, was das Leben nicht bietet: Es ist der Raum des Passierens, dieser Möglichkeitsraum, in dem alle Kunst existiert und alle Magie. Und alle Liebe.

Das könnte einer der Gründe sein, warum wir z.B.Schreiben, Malen, Musik machen und vieles andere mehr: Wir wollen diese Zone betreten, uns an den Rand zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Tatsachenwelt und Illusion begeben. Wir lernen nämlich auf diese Weise die Bodenschwere des Realen mit der Bodenlosigkeit der Kunst für Augenblicke in die Balance zu bringen. Und was immer uns lehrt, mit uns selbst zu sprechen, mit uns ins Gespräch zu kommen, ist wichtig. Wir haben dann das Gefühl, wir hätten etwas sehr Wichtiges und Ernstes, etwas Dringliches zu sagen, etwas Einmaliges zu zeigen.