Matthias Oppermann

Sehen und Gesehen werden

Rede anlässlich der Vernissage im Balint-Institut, 2017

Liebe Gäste,

Oscar Wilde schrieb in einem Brief: „Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ Susan Sonntag führt in ihrem Essay „Gegen Interpretation“ (1982, 2016) aus, dass das früheste Erlebnis der Kunst ihr Erlebnis als Mittel der Beschwörung, der Magie gewesen sei: die Kunst war ein Instrument des Rituals. Die früheste Theorie der Kunst in der griechischen Philosophie forderte die Kunst als Nachahmung der Wirklichkeit, als Mimesis. Während der Wert der Kunst bei Plato, bei dem die körperlichen Gegenstände selbst Mimesis waren, in Frage gestellt war, allenfalls Mimesis der Mimesis – was im digitalen Zeitalter wieder an Bedeutung gewinnt, wo jedes Bild nur ein Bild von einem anderen ist - sah Aristoteles in der Kunst einen gewissen Wert. Die Kunst ist, so argumentierte er, letztendlich doch nützlich; sie ist nützlich in einem medizinischen Sinne, da sie gefährliche Emotionen zutage fördert und läutert.

Schauen wir uns auf diesem Hintergrund die Einladungskarte an. Wir sehen die Lehne einer Couch, ein medizinisches Instrument, darüber steht ein Bild, quadratisch abstrakt mit ornamentartigen Formen, von denen Farblinien nach oben steigen, wie Luftblasen vom Grund eines Sees. Angelehnt ist das Bild an eine Darstellung eines Kopfes einer Frau, lächelnd, einseitig leicht errötet, mit einem Blick in die Ferne, der den Betrachter anschaut und gleichzeitig nicht. Wie Sebastian Leikert (2012) in seiner psychoanalytischen Ästhetik, die er ausgehend von schamanistischen Ritualen entwickelte, beschreibt, geschieht im Rituellen eine Verschmelzung. Das abstrakte Bild hier erschwert das Verschmelzen mit ihm. Einmal ist es ungewöhnlich arrangiert, aber es hat auch selbst, keinen wirklichen Schwerpunkt, in den man Eintauchen kann. Die fast parallel aufsteigenden Farblinien führen aus dem Bild heraus. Als ob das Bild etwas schüchtern sagt: Schaut mich nicht solange an, dringt nicht in mich. Zudem lehnt es über der Kopfdarstellung. Dahinter erscheint ein Mensch, eine Seele, eine Seite errötet, die andere im Grundton des abstrakten Bildes. Hier sind wir bei Aristoteles. Kunst ist nützlich in medizinischem Sinne. Über die gefährlichen Emotionen wissen wir noch wenig, aber man kann sie in den dunkleren Gebilden des abstrakten Bildes ahnen. Sie gähren da und Farbschlieren steigen auf. Aber alles unschuldig hinter dem lächelnden Blick in die Ferne. Das aristotelisch Medizinische wird verstärkt durch den Kalt-Warm-Kontrast: Grün und rötlich: die Farbe des Vergehens, des Schimmels versus der Farbe der Liebe und Leidenschaft. Lächelnd erträgt sie ein Problem. Das abstrakte Bild spricht von einem Auflösungsprozess. Es bekommt nun fast körperliche Anmutung, wie seelisches Gewebe – und unschwer ist in dem abstrakten Bild der Trieb, im Körperlichen verhaftet, aber hier bedroht, zu erkennen. Noch ist im Gesicht der Frau zu erkennen, das die Hälfte noch lebendig ist. Soweit Aristoteles mit dem medizinischen Nutzen. Auf die Couch als mögliche Hilfe ist in Bild schon einmal vorsichtig verwiesen.

Vielleicht regt sich in Ihnen –hoffentlich- Widerstand gegen diese Interpretation. Susan Sonntag führt weiter aus, dass sich das westliche Kunstbewusstsein und Reflektieren über Kunst an der Theorie der mimetischen oder gegenständlichen Kunst orientiert. Diese Theorie führe dazu, dass Kunst verteidigungsbedürftig würde. Auch wenn heute das Mimetische in der Kunst zugunsten eines rein subjektiven Ausdrucks in den Hintergrund getreten ist, blieb es so, dass Form und Inhalt nicht gleichberechtigt nebeneinander stehen. Dem Inhalt wird eine wesentliche, der Form wird nur die beiläufige Bedeutung zuerkannt. Susan Sonntag schreibt:
„Ob wir das Kunstwerk als Bild begreifen (Kunst als Abbild der Wirklichkeit) oder als Aussage (Kunst als Aussage des Künstlers): der Primat des Inhalts bleibt gewahrt. Dieser Inhalt mag sich geändert haben. Er mag heute weniger figurativ, weniger realistisch sein. Immer noch gilt die Vorstellung, dass das Kunstwerk mit seinem Inhalt identisch ist. Oder wie man sich derzeit gewöhnlich ausdrückt: dass das Kunstwerk per definitionem etwas aussagt.
(S.12)" Niemand kann aber den Stand der Unschuld vor aller Theorie wiedererlangen. Dies wäre nicht die Frage danach, was sie aussagt, sondern die Frage danach, was sie bewirkt.“

Bezogen auf unsere Karte hier würde das heißen: Es interessiert nicht, was das Bild aussagt oder was ich an Gedanken und Theorien eben entwickelt habe - geschweige denn deren Wahrheit zu behaupten -, sondern es interessiert, dass dieses Arrangement auf der Karte mit den Bildern von Katrin Stender (ein Zufallsprodukt im Atelier) etwas bewirkt hat, mich und nicht die Frau zum Sinnieren gebracht hat.

Auch die Psychoanalyse ist dem von Susan Sonntag kritisierten Prinzip verhaftet. Sie sucht immer nach dem latenten Inhalt. Was die Bilder oder die Szenen mit unseren Patienten bewirken, wird aufgenommen, aber es wird wieder nach dem Inhalt dahinter gesucht. Jetzt sucht die Psychoanalyse natürlich anders als das Ritual, nicht nach einer kathartischen Lösung, auch wenn Freud es mal in Erwägung gezogen hatte. Auch lädt der Text unserer Patienten nicht wie ein Kunstwerk zur Verschmelzung, gedanklich oder intellektuell, mit ihm ein. Aber können wir uns da sicher sein? Sind wir nicht manchmal fasziniert davon, was in den Stunden mit uns und dem anderen passiert? Aber dürfen wir das denn auch offen sagen oder daran ein ästhetisches Vergnügen haben?

Bezogen auf die Karte ist dann eine Analytikerin dargestellt, die in gleichschwebender Aufmerksamkeit -man sieht ihr das "no memory" vielleicht an – , aber vielleicht aus Scham leicht errötet, weil sie sich von dem seelischen Geschehen, das gerade in der Luft, sozusagen über der Couch schwebt, sehr berühren lässt und gerade merkt, wie lebendig sie sich fühlt.

Susan Sonntag führt weiter aus: „Diese Überbetonung des Inhaltsbegriffs bringt das ständige, nie erlahmende Streben nach Interpretation mit sich. Und umgekehrt festigt die Gewohnheit, sich dem Kunstwerk in interpretierender Absicht zu nähern, die Vorstellung, das es tatsächlich so etwas wie den Inhalt eines Kunstwerkes gibt.“

Susan Sonntag führt eine Kritik auch an der Psychoanalyse aus. Die heutige Interpretation gehe einher mit einer offenen Aggressivität, einer offenkundigen Verachtung des äußeren Erscheinungsbildes. Interpretation im Modernen Stil grabe aus; und im Akt der Ausgrabung zerstöre sie; sie grabe sich „hinter“ den Text, gleichsam um den Untertext freizulegen, der für sie der eigentliche Text sei. Es werde ein Äquivalent für das Phänomen gefunden. Interpretation sei in manchen kulturellen Umgebungen ein befreiender Akt. In anderen kulturellen Zusammenhängen sei sie nur „reaktionär, trivial, erbärmlich und stickig“.
Sie führt weiter aus, dass wirkliche Kunst die Eigenschaft hat, uns nervös zu machen. Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert und diesen dann interpretiert, zähmt man es. Und wir Analytiker zähmen unsere Patienten mit Deutungen, könnte man ergänzen. Um der Interpretation aus dem Wege zu gehen, sagte sie, könne die Kunst abstrakt oder dekorativ oder zur Nicht-Kunst werden.

Hier in der Ausstellung von Arbeiten mit Katrin Stender, haben wir es im überwiegenden Teil mit abstrakten Arbeiten zu tun. In dem sie einen konkreten Inhalt vermissen lassen und sich nur in ihrer Form und Farbe darbieten, geben sie dem interpretierenden Geist keine direkten Hinweise .... und dennoch stellt sich irgendwann die Frage - und sie kommt sicher in dem einen oder anderen hoch: was will uns die Künstlerin damit sagen? Man könnte frech antworten, vielleicht gar nichts, vielleicht macht ihr das Malen einfach nur Spaß. Aber schon gibt es einen Satz, der zu interpretieren wäre. Es gibt kein Entrinnen.

Was hat nun aber die Psychoanalyse an das Bild heranzutragen. Könnte sie sich auch nützlich machen? Nimmt man Susan Sonntags Kritik an, dann scheint es erst einmal so, als ob die Psychoanalyse wenig anzubieten habe. In psychoanalytischen Werken zur bildenden Kunst ist zu lesen: „Bilder machen etwas sichtbar, lassen uns etwas anschauen, was die Bilder selbst nicht sind.“ Bilder öffnen die Türen zum Unbewussten oder transformieren Unbewusstes ins Visuelle. Der Traum als Paradigma des Kunstwerkes führt wieder zum latenten Inhalt. Ob Katrin Stender beim Malen eine sublimierte Triebbefriedigung irgendeiner Art erlebt, ist zu vermuten, aber da das so selbstverständlich ist, auch uninteressant. Interessanter ist, dass sich der Künstler oder die Künstlerin denselben Primärprozessen wie der Traum bedient. Dies lässt einen theoretisch nachdenken, bringt uns der Kunst und den Bildern aber nicht wirklich näher. Auch die Berücksichtigung der Biografie der Künstlerin ist nicht interessant, um die hier ausgestellten Bilder anzuschauen. Sie würde genauso ablenken und distanzieren, wie eine biografische Deutung in einer Analysestunde.

Bei einem betrachterorientierten psychoanalytischen Zugang werden wir fündig. Kunstwerke wollen gesehen werden. So heißt der Untertitel dieser Ausstellung auch: Sehen und Gesehen werden. Das Bild ist aber nicht nur Anschauungsobjekt, sondern wird beim Betrachten zu einem Quasi-Subjet. Ein Proband bei einer kunstpsychoanalytischen Untersuchung sagte: Je mehr ich das Bild betrachte desto mehr fühle ich mich von ihm beobachtet.“ Das unerstreichen in dieser Ausstellung die Köpfe. Etwas schaut uns an, aber was schaut uns hier an? Schon habe ich ganz automatisch die Frage gestellt: nach dem „Was“. Schon wieder hinter das Bild, die ewige Sucht zu interpretieren, hinter die Dinge zu schauen. Das „Wie“ wäre das entscheidende Wort, das von der Interpretation wegführt. Wie schauen uns die Bilder an?

Zurück zur Karte.
Irgendwann hat Katrin Stender, wie sie mir sagte, begonnen Porträts zu malen. Es sind teilweise Arbeiten mit Modellen. Es bestand irgendwie das Bedürfnis nach einer anderen Begegnung, als nur mit dem abstrakten Bild, in dem man eigentlich nur auf sich selbst zurückgeworfen wird. Interessante Titel mögen dann davon ablenken. So wie die Künstlerin sich in den abstrakten Bildern im Prozess immer nur selber wieder findet, anders als beim Portrait, bei dem sie auch einem oder einer anderen begegnet, so wird auch der Betrachter auf sich selbst zurückgeworfen. Wenn er sich nicht in dem surrealistischen Spiel des Kontrastes abstraktes Bild – interessanter Titel (das Bild im Eingangsbereich heißt z.B. „Zeit im Fluss“) intellektuell aufhält und ablenkt, dann wird auch dem Betrachter zugemutet, sich nur selbst zu sehen.
In der Karte hängt der Kopf hinter dem abstrakten Bild, als ob die Frau uns etwas zeigen will. Das Arrangement "abstrakte Bilder neben Köpfen" lasse sich so lesen, dass die abgebildeten Menschen, etwas von sich zeigen. Die Hängung suggeriert das. Beuys schuf ein Werk mit dem Titel: Ich zeige meine Wunde. Diese Hängung und das Bild auf der Karte sind aber nur Hinweise, darauf, das Sie alle, wir Betrachter in den Bildern Spiegel finden, mit denen wir im Leikertschen Sinne verschmelzen müssen, um uns zu sehen. Und um mit Susan Sonntag zu sprechen: „Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst“.
Damit wünsche ich Ihnen viel Spaß und einen schönen Abend.

Lit.:
Leikert, Sebastian (2012) „Schönheit und Konflikt. Umrisse einer allgemeinen psychoanalytischen Ästhetik“. Gießen: Psychosozial-Verlag

Sonntag, Susan (1982,2016). „Gegen Interpretation“ in „Standpunkt beziehen – fünf Essays“ Stuttgart: Reclam, S. 7-22